Feuer
spuren

Das internationale
Erzählfestival Bremen
02./03. November 2019 Lindenhofstrasse Gröpelingen

Feuerspuren 2019

Das internationale Erzählfestival Bremen 02./03. November 2019 Lindenhofstrasse Gröpelingen /
mit verkaufsoffenem Sonntag

Am Nachmittag brach ich auf

zu einem jener typischen Spaziergänge, bei denen man ziellos um die Ecken streift und der Zufall dich an die Hand nimmt. Ebenso wie die Gedanken, in die ich versunken war und die ich doch nicht greifen oder festhalten konnte, wurden die Entscheidungen über den weiteren Verlauf meines Spaziergangs nicht aufgrund eines festen Planes getroffen, sondern von der kaum wahrnehmbaren Vorfreude auf das bestimmt, was mich wohl hinter der nächsten Ecke erwartete.

Die Alten nennen einen solchen Spaziergang „um den Pudding gehen“. Ich habe es eher mit den Ecken. Jede Ecke will von mir eine Entscheidung, wie es denn nun weitergehen soll. Aber heute treffe ich keine Entscheidung. Wie von selbst lockt mich ein besonderes Licht, weckt ein offenes Fenster meine Neugierde oder folge ich den Mustern der Gehwegplatten.

Da ich nichts suchte, konnte ich finden. Ich erwartete nichts Überraschendes. So brachte ich meine Ge­­danken um die Ecke und hörte in die Stadt hinein. Oh, the wind whistles down the cold dark street tonight. Vielleicht war das nur das Echo von Geschichten und ­Liedern in meinem Kopf, aber es wurde eine Reise in mein Quartier. Un viaje acompañado de ­historias, juegos y canciones.

——

Mann in Hauseingang
Frau mit Hund
Eckbank vor blauer Wand

WER GESCHICHTEN ERZÄHLT

braucht eine Bank, dachte ich, als ich bei meinem Spaziergang auf eine karge Sitzgelegenheit um die Ecke traf. Die Bank stand wie ein Mahnmal vor mir. Oder wie eine Gelegenheit? Was willst du mir erzählen? fragte ich. Was willst du hören? sagte die Bank. Vom Schmerz der Liebenden? Laisse-moi devenir l'ombre de ton ombre. Nein, sagte ich. Das erzählst du nur, um mir Eindruck zu machen. Ich ging weiter und sah in der Ferne das Minarett. Das ist auch eine Art Eckbank, auf der sich ein Erzähler niederlassen könnte. „Ašhadu an lā ilāha illā llāh“. Aber keine Erzählerin nimmt uns mit in ihre Geschichte von Auswanderung und zweiter Heimat. Kein mu'adhdhin ruft. Das musste die Gemeinde versprechen, damals, als sie diese schöne Moschee bauten. Aber liegt nicht im Wind ein fernes Ḥayya ʿalā ṣ-ṣalāt?

——

Sonnenblumen vor blauer Wand
Wiese mit Moschee im Hintergrund

DEINE FENSTER UND TORE

blicken mich an. Viele sagen, es ist hässlich hier, armselig, spießig. Ach, Ihr habt den Dreh nicht verstanden. Bei uns ist es geometrisch, von langer Hand vorbereitet, ironisch.

——

Hauswand mit Fenster
Häuserblock mit Büschen
Zwei Garageneinfahrten
Zwei Stühle mit Arschenbecher

ALS SEIEN SIE HÖFLICH AUS DEM BILD GEGANGEN

um Platz für die Geschichten ihres Lebens zu machen. Wer saß hier und wer ist weggegangen? frage ich mich. Was wurde gesprochen? Wann konnte das Schweigen gebrochen werden? Gab es dabei Tote? Wer hat gelogen? Warum bist du meinem Blick ausgewichen? Habt ihr gelacht? Während ich die leuteleeren Straßen entlangschlendere, erzählen mir die Dinge von den Leuten, die in diesem Stadtteil wohnen, improvisieren, am Monatsletzten vor dem Geldautomaten warten. Es ist wie es ist. Sagt die Liebe. Und es ist auch mühselig. Sagt die Vernunft. Es ist dreckig. Sagt die Erfahrung. Sie erzählen mir die Geschichte von der Rübe, die nur gemeinsam aus dem Boden gezogen werden kann. Das uralte Lied der Solidarität. Si tu l'estires fort per aquí, i jo l'estiro fort per allà, segur que tomba, tomba, tomba, i ens podrem alliberar. Wer kämpft, kann verlieren, lese ich auf der eingelassenen Tafel vor dem letzten Werftarbeiter.

——

Eiswaffel Figur
Restaurant Eingang um die Ecke

DIE SCHRÄGE SONNE

bringt den abgeblätterten Lack des Fensterrahmens besonders gut zur Geltung. Ein Bild wie aus einem Landmagazin für Städter. La vache qui rit, denke ich. Ich möchte ans Fenster klopfen, an den Balkon herantreten. Ich will mehr wissen. Erzählst du mir von deinem Leben? От кого научихте най-много в живота си? Who taught you the most in life?.

——

Wäscheleine im Hinterhof
Fenster mit Pflanzen
Schaufenster mit alten Sofas
Blumen an einer Regenrinne
Kleiner Hund an Straßenecke
Wiese mit rotem Haus im Hintergrund

ICH BIN HUNGRIG

nach Geschichten geworden bei meinem einsamen Gang um die Ecken. Ich sehe niemanden und höre doch Stimmen. Laute Telefonate mit Freunden, Eltern, Geschwistern wer weiß wo in der Welt. Gespräche unter Kollegen. Familie. Ein babylonischer Sprachteppich in Twi, Serbisch, Madinka, Kiswahili, Schwyzerdütsch, Kurdisch, Deutsch, Romanes, Japanisch, Türkisch, Finnisch, Russisch, Polnisch, Bulgarisch, Plattdütsch. Das Geschrei der Babys verstehe ich immer und auch das „Mama“ oder „Anna“ der Kinder. Ich rieche, wie ein Salat aus gehackten Gurken und Tomaten zubereitet wird, Bulgur- und Grießklösschen mit Lammhack gefüllt werden. Es riecht nach grünem Olivenöl, Koriander, Pho, Pommes und ja, hier hinter der Ecke riecht es nach Sauerbraten. Ich schließe die Augen und höre Geschichten. Ich bin nicht allein.

——